rühm
ist da.
.
@1bm Wien,
26. juni 2008
mittwoch,
halbfinale, 30 grad.
16 Uhr 30, rühm ist da. ins einbaumöbel, heimspiel.
plakat vor der tür: wegen
wasserrohrbruch veranstaltung verlegt. tür geht auf, altes
plakat. rühm ist da.
andere auch. 10, 15 studenten. anfang zwanzig, söckchen im
sommerschuh,
ungezeichnete gesichter, sonnenbrillen, aktentaschen, rote
bäckchen; demut.
rühm ist da. hellblaues hemd, oberster knopf offen. neben ihm,
die
kenn ich doch!, rosi rösisch, komparatistik, besenkammer, uni
bonn
....... ach isse garnich ..... uni halt ..... die
komparatistikdozentin. neben ihr ein
mann, ein student? ein dozent? graues haar, silberrandbrille, sportlich
braun,
klettertyp, auch traveler, nicht interrail, gehoben. vielleicht 38 oder
63,
manche bleiben ewig alt. optisch belesen. 'n intellektueller halt,
das soll man sehn. erstmal was trinken. weißweinspritzer
groß, bitte. puh, heiß hier. durst. ich
barhocker, die anderen
sofa. tag,
herr rühm! ah,
guten tag. neue frisur? hab sie erst
gar nicht erkannt. letztes
mal trug ich kappe. ah,
deswegen. vom
morgen. ja,
ich weiß. es geht los.
bitte
aufrücken, kommen sie näher! rosi
rösisch, einleitung. willkommen zum symposium, vielen
dank, dass sie da sind, herr rühm, habe die ehre (zu ihm), wer
hat fragen (zu
ihnen)? reclamhefte raus. super
blick hier oben.
weißweinspritzer. arme auf theke. handy auch, parkuhr
läuft. puh, heiß hier.
vor mir ein
fleißiger, student. schlau, bestimmt. dreimalschlau,
eigentlich. er weiß was,
das zeigt er. geordnete papierordner, texte mit textmarker, gelb, pink,
blau.
viele blätter, kopien konkreter. ordentlich sortiert,
trennlaschen, schubladen.
der mann weiß was, ihr werdet schon sehen. rühm wird
konkret. konkrete poesie. der apfel aus
apfel ist nicht
konkret. er ist formalistisch! der schlaue
student will recht.warum ziert er dann den titel
des reclambandes über konkrete poesie? der apfel, nicht
rühm. das ist eine
gute frage, er gehört
da nicht hin. er ist nicht konkret. der
apfel ist formalistisch, weil er aus apfel besteht. bestünde
er aus birne, wäre er konkret. nicht
konkret, keine
subversion. formalistisch.
sie haben recht (zum schlauen
student) der apfel
gehört da nicht hin. ein
konkretes gedicht besteht aus konkreten wörtern.
denotationen, keine konnotationen. das wort und
nichts als das wort.
kein metaphern, die sind nicht konkret. das wort ist
das wort ist das wort ist das wort. der schweizer
dichter von
dem ich den namen nicht mehr weiß kann keinen
konkreten text mit dem wort geheimnis
schreiben. geheimnis ist nicht konkret, das ist unsinn. geheimnis ist
alles.
nicht konkret, unsinn. rosi
vermeidet zu gähnen, nickt anerkennend. nicht konkret, genau
... weitere
fragen? trinken, betrinken, betrunken
langsam.
rühm
erinnert sich. art klub,
wien. mit konkrad
bayer auf der bühne einen flügel
zertrümmert. happening vor
dem happening, das wort gab es noch nicht. warum
nicht, eigentlich?
das war
lebensgefährlich, denn eine herauskatapultierende seite kann
einem tödliche
verletzungen zufügen. das
wusste ich nicht. wir haben
provoziert damals. das wollten wir nicht. wir
wollten neue sätze. die leute nicht. ẃir waren
unerhört. von den leuten, vor der kritik. so mit sprache
umzugehen, das gehörte sich nicht. das war uns egal, wir waren
wir. es war
unsere sprache. eine
dünne studentin: wollten sie damals provozieren? der
intellektuelle traveler
denkt rhetorisch, leider laut. welchen
text herr rühm haben sie im jahre 1971 zusammen mit konrad
bayer undsoweiter
gemacht und bei der avantgardezeitschrift von dem verlag (husten) von
dem und
dem publiziert weil der eine schriftsteller der ja ein freund von ihnen
war
gute kontakte zu dem einen verleger hatte der eigentlich auch
schriftsteller
war und der weil er sie verlegt hat aus dem verlag geschmissen wurde? er
meint
thomas fritsch. unbequemer barhocker. volle
konzentration beim traveler: (er sieht mich. er weiß,
dass ich da bin. ich weiß was. das weiß er jetzt!).
rühm weiß die antwort. der
traveler ist befriedigt. der schiefe barhocker gähnt. das glas
leert sich. noch
einen?
es ist 18 uhr, gleich fußball, dann bier,
besser nicht. die
sprache war alt. rühm zerlegt die sprache. bayer zerlegt die
sprache.
achleitner zerlegt die sprache. wiener zerlegt die sprache. artmann
dichtet dialekt. und hat
erfolg. den will er nicht haben. erfolg
begrenzt freiheit. sprache ist freiheit. sprache ist
wandel. sprache ist
prozess. sprache ist
zerstörung. sprache ist
erneuerung. rühm
übergrenzt. keine grenzen. freie
sprache. sprache ist
musik. musik ist sprache. sprache ist
rühm. rühm
ist komponist: das ABC der musik, das CDE der
sprache. rühm ist sprache. die sprache
ist neu. eine frau betritt den raum, zu spät. nicht gefunden,
das lokal. kommen sie
herein, junge frau. bitte
nehmen sie platz. sie
platz weit hinten, auf dem leeren sofa. kommen sie
doch näher, ich möchte sie kennenlernen. rühm
überspringt, das wort hat das
wort. frau weiter vorne. frau hat das wort. war im
schönbergchor, in den
siebzigern. ist die freundin der ehemaligen freundin eines freundes von
rühm.
dichter, wie rühm. das wort wechselt, das interesse auch. rühms
vorbilder – joyce, gertrude
stein, majakowsi. manfred borchert, abgott. schwer zu bekommen, nach
dem krieg.
dada inspirierte. aber nicht zu sehr, denn kunst bleibt kunst.
zerstörung der
sprache, nicht der kunst. der
weißweinspritzer wirkt. auf die theke gestützt, auf
dem barhocker. ganz
schön heiß hier. durst,, noch einen? besser nicht -
der fußball,
das bier.
rösisch
will fragen. nicht die eigenen, sie hat keine. die runde
schwitzt, und schweigt. aber man will da sein, schließlich
ist rühm da! ich
bin froh, dass die uni vorbei ist. das konkrete
reclamheft macht die
runde, das mit dem verbotenen apfel. wissend wahrgenommen, wortlos
weitergereicht. der schlaue student braucht länger. intonation
ist bedeutung. die
sprache der sprache.
der ton macht
das
wort. der text
braucht den ton. rosi braucht
wissen. der traveler
weiß arno schmidt: zettels traum ist ja bei dem und dem ich
glaub es war hans mayer
nicht so
akzeptiert wegen der syntax und überhaupt der dativ
dass man den jetzt statt des genitiv s so oft verwendet ist ja auch so
ein
unding. wen
interessiert's. weißweinspritzer. vorsicht,
kopf klarhalten! langsam trinken, eine rauchen. keiner raucht. , ok.
rühm
mag kein scharfes s. das gehört nicht zum
alphabet. deswegen benutzt er doppel s. er schreibt, wie man spricht.
miljon'n
statt millionen. das en am ende spricht man nicht. daher ist es
überflüssig. er hat
recht.
der vor mir
weiß was. schlauer student, und ordentlich.
er verweist
auf den schweizer von
dem ich den namen nicht mehr weiß. rühm
bestätigt. der schlaue student ist zufrieden.
die dozentin für komparatistik weiß auch viel. sie
zeigt es nur nicht so. nicht
nur nicht heute, sondern auch sonst nicht so. ist aber
hochinteressiert. an
rühm, an der sprache. das will sie zeigen. sie schaut auf die
uhr. rühms kölner
apothekenjutebeutel ist voller rühms. die wollen raus. und
sollen - signiert, 5
euro. ich zücke das portemonnaie,
die
studentinnen sicher nicht.
ich schon,
und nehme zwei für zehn. ER
-
wird sich freuen, SIE auch. auch ich, im
nachhinein. rosi
mahnt,, die zeit. nicht mehr viel, noch fragen? rühm
knöpft den obersten knopf
zu. und wieder auf. dann wieder zu. seltsam, wie
lange das gehirn manchmal braucht um eine
einfache entscheidung zu treffen. erleichertes
lachen. der traveler laut, rosi mit. es ist
schon spät, man will heim. vielen dank und auf wiedersehen.
die studentinnen
bedanken sich artig. und gehen. rühm bleibt. der traveler
auch. rosi zögert, es
ist schon spät. aber rühm ist da. die
schönbergsängerin wagt sich vor.
vor rühm. haben sie eine emailadresse? vom
barhocker lachen. rühm hat fax. lachen vom barhocker. nicht
aus-, sondern
über-. die freundin von der ehemaligen freundin des freundes
von rühm fragt
nach anderen kommunikationwegen. telefonnummern werden getauscht.
aufbruchsstimmung. im traveler braut sich was zusammen. er traut sich
was.
jetzt oder nie. gleich sag ich's moment! ---- herr
rühm darf ich sie einladen? einmal im leben will
er gerhard rühm einladen. das will er allen erzählen.
darum fragt er. rühm muss
weg. noch packen, morgen früh abflug. nach
köln? frag
ich.
er: ja, nach
köln. wie
lange waren sie in wien?
bin gestern
gekommen. grüße
an die heimat. werd' ich
tun.
traveler
ratlos.
überspringt
(eigentlich enttäuscht), zappelt, raucht.
rühm
mag
keinen rauch.
eigentlich
auch keinen traveler.
das wusste
der traveler nicht.
jetzt
weiß er
mehr.
er war da, der
rühm.
© Lina Bibaric
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