Kastanienregen

Es sind die schmutzigen Scheiben, die das Drinnen vom Draußen trennen. Von dreckigen Zeichen, die der seltene Regen in konfusen Mustern auf die Fenster geschrieben hat. Die Sonne macht sie sichtbar. Wie alles, was unbehelligt im Dunkel der Lichtlosigkeit sein geworfenes Dasein verteidigt. Ich ziehe an einer Zigarette. Der Rauch sammelt sich - ganz aufgelöst - im dünnen Strahl des zaghaft einfallenden Sonnenlichtes und windet sich tanzend an ihm hinauf wie der junge Efeu am alten Mauerwerk hinter dem Hof, während der dünne Strahl des zaghaft einfallenden Sonnenlichtes die Flasche italienischen Olivenöls auf dem Holztisch durchbohrt wie ein goldener Pfeil. Wie es nun dasteht und schimmert, das Olivenöl, so pistaziengrün und kupfergelb auf dem zerknitterten Tischtuch aus sandfarbenem Leinen! Als hätte das schimmernde Öl das alte Tuch in ein goldenes Vlies verwandelt.

Ich ziehe an der Zigarette.

Hinter den schmutzigen Scheiben feiert das Alltagstheater seinen x-ten Vorhang. Stimmgeschwader flanierender Jungfamilien, Motorgeräusche, Hufgeklapper, verblassende Melodien aufbrechender Vögel, deren Symphonien nach und nach dem heiseren Kratzgesang der grauen Nebelkrähen weichen werden.

Ich verbeuge mich nicht.
Ich klatsche keinen Beifall.
Ich bin unsichtbar für die, da draußen.

Dicke Mauern trennen mich von euch. Jahrhunderte alte Mauern, ein Bollwerk, eine Festung, Fort meiner hermetischen Vorstellungswelt, für die ihr da draußen keinen Passierschein mehr habt. Obwohl … ihr könntet ihn haben, zumindest in ein, zwei Räumen meiner Bewusstseinsburg könntet ihr euch umschauen und euch vielleicht sogar zu Hause fühlen, würdet ihr euch anschicken, auch nur ein klitzekleines bisschen von dem, was mich ausmacht, zu verstehen. Doch ihr versteht es nicht. Und ich bin müde, mich zu erklären, mein Ich der bürgerlichen Rezension preiszugeben.

Mein Blick begibt sich auf Wanderschaft. Wandert zum alten Ofen rechts in der Ecke der Küche, an die weiß getünchte Decke, über die sonnengelben Wände, zum hölzernen Boden. Und wieder zurück, wo auch immer das ist.

Ich nehme den Kugelschreiber in die Hand und veranlasse die Kugel, mit seiner blaue Tinte kleine Zeichen auf das wartende Papier zu drücken. Ich kritzele herum. Ich lege den Kugelschreiber wieder weg, ohne der Erwartung des Papier entsprochen zu haben. Immerhin ist Sonntag.

Mein Blick will weiter. Gedankenfetzen bleiben an Gegenständen hängen wie schillernde Fliegen am hängendem SonnenblumenKlebestreifen. Ich scanne den Raum. Die vertrockneten Gartenblumen in dem zur Vase umfunktionierten Milchkännchen - gepflückt vor einer Woche, um dem toten Tisch Leben einzuhauchen, acht Tage später selbst der Vergänglichkeit preisgegeben. Jetzt - ein Mahnmal zerinnender Zeit. Der schwarz-weiße Mosaikboden im Vorraum, dessen Anblick mir die halb geöffnete Tür gestattet. Schuhe, Staubflocken, Fußabdrücke. Spuren von Draußen im Drinnen. Wieviel davon wurden wohl in den letzten 400 Jahren weggewischt! Stumme Zeitzeugen, einfach ausgewrungen in einen Eimer als braunes Wasser. Hineingekippt in den Abfluss der Geschichte.

Die grüne Lampe, ein Relikt aus einer anderen Welt. In jener Welt grünte sie einst von einer Fensterbank im ersten Stock einer Altbauwohnung hinaus auf den hektischen Asphalt einer dreckigen Metropole. Kiosk, Fish and Chips, Geschenkartikel, Filmdose, Dönerbuden, betrunkene Teenager, schimpfende Autofahrer, donnernde Chartmusik direkt unter dem Bett, zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad. Mittendrin, und trotzdem Meilenweit entfernt. Hier und Heute, ein grünes Licht schimmert von der Fensterbank im Erdgeschoss durch den Lebensbaum auf die einsame Katze, die ihren Besitzer sucht. Sie wird ihn nicht finden, da draußen.

Oder der amerikanische Mixer mit seinem stolz glänzenden Chromfuß. Uni, Jobben, ein Möbelgeschäft in der Stadt. Ein Mädchen mit viel zu blonden Locken auf einem schwarzen Fahrrad mit einem viel zu breitem Lenker kämpft gegen den Wind auf einer viel zu langen Brücke. Feiern, Studieren, lange schlafen. Zukunftsangst. Unsicherheit. Allein zu zweit. Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad. Immerhin Altbau. Panta rhei.

Draußen klappern die Hufe der teuren Pferde.
Ich setze auf ein anderes.

Der Bäume brauner Blätter gehorchen den Gesetzen der Schwerkraft. Es regnet Kastanien. Eine einst, als ich dort draußen war, steckte ich mir in die Tasche. Dort wohnt sie nun. Und erinnert mich an draußen, wenn ich drinnen bin.

Drinnen bin ich am liebsten. Eingehüllt in versteinerter Geschichte, durchtränkt vom Leben all derer, die schon vorher hier waren. Ruhe. Musik. Liebe. Einheit. Wo der Kreis ins Quadrat passt und die geometrischen Linien meine runde Taille umspielen. Wo geliebt und gelebt, gedacht und gelacht, sinniert und konstruiert, gesponnen und gewonnen, gefühlt und gewühlt, zerstreut und nichts bereut, geatmet und geraucht, gekleckert und geputzt, gehört und gesehen, berüht und verführt wird.

Die schmutzigen Scheiben trennen das Drinnen vom Draußen.

Der rote Ball senkt sich langsam in die untere Ecke der Fenster. Das Olivenöl ist nicht mehr grün. Die trockenen Blumen verschmelzen mit dem Leinentuch des Tisches. Die aufgelösten Efeuschwaden klettern nicht mehr. Das Licht ist aus. Ich stehe auf und gehe durch die Zimmer des alten Vierkanthofes. Durch die sonnengelbe Küche entlang der geometrischen Linien des Esszimmers vorbei am blauen Bad entlang an den Werken echter Kunst an den Wänden des grünen Flures, zu meiner Rechten das Zimmer des Dichters, dem mein Herz gehört, gerade vor mir das Zimmer der Dichterin, die meine Ruhe stört, hindurch bis zum Wohnzimmer, in dem einst Pferde wohnten. Ich blicke in den Garten. Es ist Herbst, da draußen.

© 2008 Lina Bibaric