Die Lesung
Schnell noch ein
Bier.
Besser nicht. Oder …. vielleicht doch.
Stattdessen
stilles Wasser für alle.
Zigarette her!
Rauchen
verboten.
Dann noch eine!
Hände feucht. Zitternde Mundwinkel.
Schweiß.
Sieht man nicht, besser so. Wahrscheinlich eh verboten.
Wo bin ich
eigentlich? Nicht drin, irgendwie draußen, ein bisschen drüber,
drunter, daneben, jedenfalls nicht hier, in irgendsonem
Literaturspießerhaus mit graugesichtigen Germanistenbräuten,
desperate Housewifes der Literatur, die nur im Keller lachen,
wenn sie lachen.
So Gouvernantentanten mit Rollkragenpulli und
Sehhilfen aus Horn unter den Hörnern.
So Katholikenschnepfen mit
Kontrollsyndrom und Korrektheitsfetisch.
Wo alles
verboten, weil Vorboten der Hölle, diese Kerzen, die nicht brennen,
diese brandgefährlichen Lampen aus Papier und potenziellen
Kabeltrommelbomben ausgeflippter WorTerroristen.
Was
können die schon, wer sind die überhaupt, diese
Namenlosen!
Alkohol
erst nach der Veranstaltung.
Natürlich Wein, rot und
weiß, so einer mit samtenem Abgang und grindigem Zungenpelz. Zum
gepflegtgelangweilten Schlürfen mit humorlosem Kennergequatsche
passt das am besten.
Auf der Bühne ein
trostloser Tisch mit fadem Sessel aus Draht, silber schwarz,
Hintergrund weiß, schön neutral. Überhaupt schön sauber hier,
alles korrekt, geleckt, alles an seinem Platz,
akribisch
drapiert, pedantisch kontrolliert.
Erstmal weg mit dem ganzen
Scheiß!
Runter von der Bühne und rauf mit den Sofas!
Her mit
den bunten Bildern vom Kölner Künstler der dieses Attribut zu Recht
verdient!
Her mit den ollen Kissen und technischen
WortVerstärkern!
Weg mit der verzweifelten Literaturbeamtin –
und her mit dem Bier!
Tschick an, Sound ab, fuck you, Tante Bilbo!
Drei Minuten, zwei
Minuten. Los geht’s.
Wortsalat im Kopf. Mund spricht, ohne
Kopf.
Es trocknet aus das
Farbenmeer
Kopf weg. Muss ihn suchen, einfangen,
dressieren, die störrische Wildsau.
Denn es sind Menschen da, die
wollen
Hören. Sehen. Ausatmen, ich einatme, einsilbig,
einarmig, mit dem
Mikro in der Hand im Jetzt, das sich nach
gestern und morgen anfühlt.
Kopf noch nicht gefunden. Rotiere
herum im Innenraum,
Gang 235 Tür 3: zu. Gang 236 Tür 5: zu.
Gang 237 Tür 71: offen, kein Kopf.
Ach
Scheiß drauf, der kommt schon wieder.
Alles bunt, still,
laut, grau, schwarz, leer, im Wurmloch ohne Zahn und Zeit.
Auf
einmal blau. Vielleicht vom Bier.
Ach ne, gab ja nur Wasser
Zäher
Argusalgen Teer
Satzfetzen hetzen zerfetzen
Gegenwartsätze
Schätze, vielleicht.
Krakenklone
auf und abtentakelt untergehn
Schrott, bestimmt.
Was
weiß denn ich.
Was wissen die?
GermanisMussGollum im
Spießerstrick weiß nix.
Eigentlich auch
egal.
Die
wollen eh nur hören, sitzen, sehen, reden,
bewerten, verwerten,
kritisieren, zensieren.
Buhen, toben, lachen, lästern, spotten,
verrotten, diffamieren, abservieren,
-
Kopflose Phantomgedanken ranken tief ins leuchtendgrelle
Wattegrau.
Schweigen, alles dunkel.
>> LICHT
AUS! SPOT AN! <<
Komm
her, scheiß Kopf du!
Mund übernimmt. Schießt
Satzssalven im Zeitraffer durch den Raum.
Worte purzeln über
Unterkieferrundungen mit Lippenstift.
Korrallenkonjunktive
quallen auf
Wattevokabelstrudel im Dämmerlicht
Die
Silberfische strudelschwimmend
Mundwinkel zittern,
böses Gesicht, wahrscheinlich.
Was
denken die? Arrogante Kuh,
bestimmt.
Wenn die
wüssten was sie glauben zu wissen was ich weiß.
Dabei weiß ich
nix zu wissen.
Hände zappeln, Buch wackelt.
[Kerzen verboten]
[Alk erst nach der
Lesung]
[gefährliche Papierlampen]
Germanistentrauma
[scheiß Spießerbraut]
[scheiß Gedächtnisschwund]
Konzentration, bitte!
Mund
unbeeindruckt. Beine auf Sofa auch. Hände nicht. Mundwinkel auch
nicht.
Kopfhülle im Profil, ist sicherer.
Sound läuft, Mund
über.
Mikro zittert.
Saal voll.
Menschen da.
ENDLICH
MENSCHEN!
Menschen die hören, sitzen, sehen, denken, verstehen, abstrahieren, kapieren,
probieren, studieren, nicht sieben, einfach lieben, junggeblieben, angetrieben vom Übriggeblieben
in der Horde ahnungsloser Mittelmaßopportunisten.
Kopf-fade-in.
Wieder da, im Jetzt. Kein Morgen, Gestern.
Nur hier, Echtzeit.
Musik-fade-out.
Danke gehaucht, zitternde Beine, klatschende
Hände im tonlosen Daunennebel.
Raus, nur raus. Tschick an,
Bier her! Aus Dosen, mitgebracht. Kein Wein.
Worte wechseln
Nichtbesitzer.
Alles leicht, alles klar.
Tante Bilbo raucht im
Kabuff.
Freestyle auf Bühne.
Bühne raucht.
Tante auch,
vor Wut.
Das Spiel ist aus, der
Ofen auch.
Kerzen
verboten.
Hier bestimme immer noch ich!
Frau
Biedermann entlässt die Brandstifter im Zorn.
Wunderbarer Abend.
© Lina
Bibaric
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