Sterne am Tittenhimmel.
@ MUMOK, Wien 2008
Unentschlossen
stehen wir da an diesem regnerischen Tag im September. Das
herabnieselnde Nass plätschert lustlos auf den preisgekrönten
Designerliegen vor sich hin. Vor zwei Wochen noch räkelten sich
hier die IT-Girls und B-Boys der Stadt, nun ergeben sich die Enzis
verwaist ihrem meteorologischen Schicksal. Jour triste, bye bye summer.
An den Wänden des MUMOK ein riesiges Plakat: „Bad Paintig,
Good Art“. Bad painting? Klingt nach Aufbruch, nach Negation,
nach Subversion. Klingt also gut. Entschlossen steigen wir die Stufen
hinauf. Kaufen ein Ticket. Verstauen die Mäntel. Betreten den
Glaslift. Entern die Ausstellung. Erwarten viel angesichts der
ausgestellten Künstlerschaft: Francis Picabia, Giorgio De Chirico,
René Magritte, Julian Schnabel, Martin Kippenberger, Georg
Baselitz, John Currin, Asger Jorn, Albert Oehlen, Sigmar Polke. Ich
freue mich auf Francis Picabia, grenzgenialer Illustrator Dada-Tzaras,
radikaler Freigeist, Zerstörer und Erneuerer, Denker und Beweger,
Stilbrecher und –multiplikator, Künstler. Doch statt
Picabias überzeitlichen Man-Machine-Typo-Zeichnungen springt mich
– was bitte ist denn das?! – ein neo-expressiv-heroischer
Frauenakt an, der sicher der ollen Riefenstahl gefallen hätte. Ich
muss schmunzeln und versuche mir Picabias diebische Freude ob der
gutkunstbürgerlichen Reaktionen vorzustellen, die das Werk einst
bei schwarzgedressten Avantgardekennern auslöste. Aus Schmunzeln
wird Lachen beim Anblick des Pfeifenheinis von René Magritte.
Der Mann hat Humor! Und jede Menge Selbstkritik, die so manchem
zeigenössischen Shooting Star des Kunstkapitalmarktes
gänzlich fehlt. Denn wer rückt sich heutzutage schon bewusst
in so ein schlechtes Licht? Das kann nur jemand, der echte
Größe besitzt. Jemand wie René Magritte.
Überdrüssig seines surrealistischen Markenzeichens, rotzt er
1948 einfach einen schiachen Mann mit Pfeifen in jeder Öffnung auf
die Leinwand. C’est ne pas UNE pipe ... Ohne einer Chronologie zu
folgen, passieren wir John Currins schönheitsoperierte,
silikonbusenüberdimensionierte Zombiehausfrauen. „Black hole
sun, won’t you come“, loopt es in meinem Kopf.
Anti-Ästhetik der äußeren, weil inneren
Hässlichkeit, messerscharfe Karikatur des ganz alltäglichen
Wahnsinns. Wahnsinn ist auch Asger Jorns Situationistenkitsch –
übermalte Trödelmarktbilder, die dank intelligenter
Modifizierung mit agressivem Pinselstrichen den Punk schon in den
spießigen Fifties vorwegnehmen. „Personally I like bad
better than good.“ I agree. Bad ist hier einiges: die plumpen
Monsterfüße von Baselitz, der kompromisslos peinliche
I-Love-Sportflecken-Schocker von Kippenberger. Oder die ausladenden
Riesenleinwände von André Butzer, deren grobmotorische
Fratzenfiguren mich an irgendwas erinnern … woran erinnern die
mich … na sag schnell
………………………..
Ja! – an diesen nervig nölenden Jack Skellington von
Nightmare before Christmas!! Mit Alptraum hat das Bild hier einiges zu
tun. Meine unangefochtenen Favoriten dieses trashigen Kunstpanoptikums
jedoch sind diese rosanebligen Sarah-Kay-Pornobilder von Lisa
Yuskavage. Wobei meine Ichs noch darüber diskutieren, ob ihnen das
Optische oder Semantische besser gefällt, „kleiner
Wichser“ oder „Tittenhimmel“. Wunderbar
antiintellektuell. Selbstreflexiver Humor als Stingerrakete gegen
Konventionalismus und Gedankendoktrinen. Am Ende dieses subversiven
Höllentrips sind wir hoch zufrieden. Aufgeschlossen ziehen wir
unseres Weges an diesem regnerischen Sonnentag im September, den
Duchamp’schen Schalk im Nacken, den Jarry’schen Spott im
Gesicht, das Ball’sche Lachen vor Augen.
© Lina Bibaric
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